Ein Leben ohne Schaf ist möglich, aber sinnlos

Mitten im tiefen Ozean, vom Salzwasser durchtränkt und nach Luft röchelnd treibt ein kleines Schaf, mit den Vorderhufen ein Stück Balken haltend, umher und ist, die Äuglein vom Salzwasser gerötet und geschwollen, auf der Suche nach einem Stück Land. Das Schaf hat drei schwarze Punkte auf den Ohren, ist auffallend klein und strahlt trotz seiner doch eher misslichen Lage stoische Gelassenheit und Würde aus. Neben ihm hält sich ein Mann mit Mühe über Wasser. Seine wilde Mähne, der zottige Bart und die sonnengegerbte Haut hinterlassen einen ungepflegten Eindruck. Als ob nicht für das kleine Schaf die Last des vom Meereswasser beschwerten Felles groß genug wäre, muss es auch noch den Mann mit einem Vorderfuß stützen und ihn so vor dem Ertrinken retten. Der Mann heißt Odysseus, Odysseus Huber, Sohn des Laertes Huber, in dessen Adern oberösterreichisches Blut fließt. Aber das wissen nur wenige. Mindesten ebenso wenigen ist bekannt, dass der eigentliche Hauptdarsteller und Held in Homers Odyssee ein Schaf war. Zugegeben – das Schaf ist nicht gerade so, wie man es sich von antiken Helden erwartet. Es ist zwar belesen und klug, gleichzeitig aber auch frech, direkt und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Dennoch hätte es Homer der Vollständigkeit halber in seiner Odyssee erwähnen können. Um dieser aus der Erzähltradition aus welchen Gründen auch immer verdrängten Facette wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, wurde die Odyssee neu verfasst. Nebenfigur: Odysseus Huber. Hauptdarsteller: ein kleines Schaf mit drei schwarzen Punkten auf den Ohren.

Anna Derndorfer beschloss nach ihren sprachlichen und musikalischen Studien sowie nach fünf Jahren Unterricht an diversen Gymnasien gemeinsam mit ihrem Freund auf Reisen zu gehen. Einbrüche und Pannen mit dem selbstausgebauten Campingbus forderten nicht nur starke Nerven, sondern auch die finanziellen Mittel sehr heraus. Und so stand die überzeugte Tierrechtlerin und Veganerin bald mit Gummistiefeln und Heugabel auf Wiesen und Feldern diverser Tiergnadenhöfe, um ihre Arbeitskraft gegen Kost und Logis einzutauschen. Nach einem neunstündigen Arbeitstag in strömendem Regen begegnete ihr plötzlich das Schaf. Es überredete die Autorin nicht nur zur Weiterfahrt, sondern erzählte auch von seinen Abenteuern, die es gemeinsam mit Odysseus Huber erlebt hatte und die nun schriftlich in dem vorliegenden Buch festgehalten wurden.